Familienschutz

Das Projekt oder vielmehr die Geschichte seines Scheiterns scheinen für Fidus exemplarisch zu sein. Hohen Ansprüchen und Pathos stehen wie auch in anderen Fällen Gutgläubigkeit oder einfach Naivität gegenüber. 1895 plante Fidus zusammen mit Amalie Altmann-Reich die Herausgabe einer Zeitschrift Familienschutz. Ihr Untertitel definierte sie nüchtern als "Zeitschrift für die praktischen und ideellen Interessen des Hauses". Doch dazu kam es nicht. Es existiert jedoch ein Werbeprospekt mit dem Titelblatt.

Ankündigung in der Sphinx

In einer Ankündigung in der theosophischen Zeitschrift Sphinx werden ausführlich die "Leitgedanken der Redaktion" zitiert. Zum Ziel der Zeitschrift wird darin erklärt:

Den Geistern, die dem Zuge ins neuen Jahrhundert vorauseilen, verständnislos [sic!] uns zu öffnen, mit Ernst und Ehrlichkeit, ohne den Witz neidischer Kleinsprecherei – den Blick für alles Keimen und Sprossen auf den Feldern der neuen Kulturarbeit frei zu halten – und ein herzliches inneres Band zu Familie und Volk zu finden: das sei unser Ziel. Dann erst bedeutet unser Wirken einen erzieherischen Faktor für unsere germanische Kultursendung, dann erst findern wir das rechte Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Volk, dann erst sind wir ein echter und rechter Schutz der deutschen Familie.

Der Zielsetzung voraus geht ein pathetisch-prophetischer Aufruf geprägt von Idealismus und Wunschvorstellungen vor dem Hintergrund weltgeschichtlicher Ehrfahrungen aus deutscher Sicht an einer Zeitenwende. Das neue Jahrhundert werde "das Jahrhundert einer zur Reife kommenden Menschheit sein", in dem sich "eine gewaltige Befreiung der Menschenseele" abspielen werde als Folge des Fortschritts auf allen Gebieten: "Es sind die Gebiete der Technik und der Empfindungen," wird dazu präzisiert, "es sind die Gebiete des Handels und der Industrie, und es sind die Gebiete der Wissenschaft und neuer Gefühlssphären, die diese neue Kultur einleiten, die sie fruchtbar machen wollen." Dabei würden die "Kraft sozialer Errungenschaften und individuell seelischer Vermenschlichung" die Grundlagen für die "Klänge versöhnender Kulturarbeit" bilden. Wobei bemerkt wird, dass nun anstelle der Romanen die Germanen "die Führung der europäischen Geisteskultur" angetreten hätten. Dazu wird ausgeführt:

Wir im Herzen Europas aber, die wir gleichsam die Hellen des neuen Zeitalters sind, wir sollen uns erkennen und finden, daß wir stark werden für unsere Familie, unser Vaterland. Aus der Tiefe unserer Volkskraft sollen wir schöpfen; da finden wir alle Vorbedingungen zu neuer Kulturblüte: die Tiefe unserer Volkskraft sollen wir heilig halten.

Die deutsch-nationale oder völkische Position, die in den Leitgedanken vertreten wird, mag erstaunen, entstammt Amalie Reich doch einer jüdischen Familie. Es scheint aber eine Haltung gewesen zu sein, die im Laufe der Assimilation der Juden in Deutschland nicht unüblich geworden war.

Um Amalies Lebensstellung noch mehr zu sichern

In den Kleinen Lebenserinnerungen führt Fidus einen weiteren Grund für die Gründung der Zeitschrift an. Nachdem Amalie Reich zusammen mit einer Freundin eine "Schnitzerinnenschule für Frauen" gründete, die guten Zulauf gefunden habe und "da noch ihre spätere Erbschaft hinzukam", war Fidus über ihre wirtschaftliche Zukunft beruhigt. Aber er schreibt weiter:

Um Amalies Lebensstellung noch mehr zu sichern, zumal als künftige Mutter meines Kindes, beschlossen wir, eine noch nicht vorhandene, reformerische Familienzeitschrift zu gründen, in der ich dann auch in Wort und zumal Bild für unser neues Kulturideal eintreten könnte.

Ikonographie


Die schöne Gärtnerin.

Titelblatt Familienschutz.

Vor diesem Hintergrund erstaunt der Rückgriff auf die traditionelle christliche Ikonographie. Die Frau mit den beiden Kindern, ihr Umhang, das Kind, das nach einem Buch oder Heft greift, sowie die Situierung in der Natur nehmen direkten Bezug auf das Motiv Maria mit Jesus und Johannes. Im Falle der bekannten Fassung des von Raffael im Louvre, die mit Die schöne Gärtnerin betitelten wird, scheint sogar das Halbrund des Bilds übernommen worden zu sein. Abwesend ist bei der gezeigten Familie der Vater. Auf christliche Vorstellungen verweist auch das als Kreuz gestaltete t des Schriftzugs "Familienschutz". Der erste Buchtabe F dagegen "spielt" mit der Form des Hakenkreuzes, das sowohl für die Theosophie wie für völkische Vorstellungen von Bedeutung war, das geschwungene z am Ende schliesslich erinnert an das hinduistische und buddhisrische Zeichen für Om, das in der Theosophie ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Nachtrag in der Sphinx

Unter dem Titel "Die sogenannten Berichtigungen des Herrn Franz Evers" nahm dieser für sich in Anspruch, Autor des vollständig abgedruckten, wie er es nennt: Leitartikel der Zeitschrift Familienschutz zu sein. Der Herausgeber Göring bemerkte dazu süffisant:

"Prospekt", nicht "Leitartikel" nennt man das! Denn nicht eine Zeitschrift, sondern die Voranzeige eines künftigen ist mir zur Empfehlung in der "Sphinx" zugeschickt worden. Einen guten Prospekt verfaßt jeder ordentliche Buchhändler. Wenn die Zeitschrift "Familienschutz" wirklich noch erscheint, und hält, was sie im Prospekt verspricht, so werde ich sie empfehlen, mag sie von Evers oder den Personen redigiert werden, die sich als ihre Redakteure bezeichnen. Im November 1895 teilte mir aber die Redaktion des "Familieiischuiz" mit, daß diese geplante Wochenschrift nicht erscheinen werde.

Betrug mit Ehrverlust

Fidus hatte im Sommer 1895 von Eugen Lucius, Mitbegründer und -besitzer der Höchster Farbwerke, ein Darlehen von 10 000 Mark bekommen. Die Zeitschrift hätte im Verlagsbuchandel von Otto und Ernst Kurtze erscheinen sollen. Otto und Ernst Kurtze waren in verschiedenen Betrugsfällen angeklagt und erhielten auch von Fidus und Amalie Reich Geld. In einem Artikel der Berliner Volks-Zeitung wird über die Zeitschrift Familienschutz im Zusammenhang mit einer Verhandlung am Landgericht berichtet:

Mit einem Schriftsteller und einer Schriftstellerin verbanden sich beide Angeklagte vor Kurzem zur Herausgabe einer Zeitschrift “Familienschutz”. Diese beiden Partner gaben je 5000 M. zum Beginn des Unternehmens her, dasselbe sollten auch die beiden Angeklagten tun. Es kam aber nicht eine Nummer des “Familienschutz” heraus, vielmehr benutzten die Angeklagten die von der Schriftstellerin für die neue Zeitschrift verfertigten Artikel entgegen dem energischen Protest der Dame für ihre anderen vorerwähnten Blätter. Wegen dieses Nachdrucks wurde jeder der Angeklagten zu 60 Mark Geldstrafe verurteilt. Otto Kurtze, der wegen Betruges schon eine bedeutende Vorstrafe erlitten hat, wurde außerdem zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt.
  1. Berlinische Galerie, BER, DE-B1586. Vgl. Frecot, Kerbs, Geist, S. 91 und 322.
  2. Amalie Altmann-Reich (auch Amalie Reich) kam am 12. August 1862 in Berlin zur Welt. Nachdem sie in Schweden Kerbschnitzerei und Flachschnitt gelernt hatte, gründete zusammen mit ihrer Freundin Käte Ney eine "Schnitzerinnenschule für Frauen" (Frecot, Geist, Kerbs S. 91).1896 kam die Tochter Hilde Altmann-Reich zur Welt kam. Um 1910 lebte Amalie Altmann-Reich in Mittelschreiberhau im Riesengebirge. 1933 wohnte sie an der Friesenstrasse 10 in Berlin-Friedenau. (Berliner Adressbuch 1933. Unter Benutzung amtlicher Quellen, 1. Band, Berlin 1933. S. 42, Online). Sie starb 1946 in Berlin. Ihr schriftlicher Nachlass kam 1983 in die Berlinische Galerie.
  3. Sphinx, 21. Jahrg., Nr. 117, November 1895, Heft 5, S. 289-290. Online
  4. Frecot, Kerbs, Geist, S. 91f.
  5. Sphinx, 22. Jahrg., März 1896, Nr. 121, S. 177.
  6. Ebda.
  7. "Eine ganze Reihe von Wechselfälschungen und Betrügereien", in: Volks-Zeitung, 44. Jahrg., 22. Juli 1896, Nr. 339 Beiblatt. Online

Die schöne Gärtnerin: WikiCommons.

Letzte Änderung: 27. August 2020.